Ein paar Gedanken in dieser Zeit

Rio de Janeiro, 10.06.2016

Beim Surfen durch die Weiten des Internet, zucke ich des Öfteren innerlich zusammen. Manchmal habe ich den Impuls etwas zu schreiben. Zu Antworten. Auf Unsinn. Stumpfsinn.
Wahnsinn.
Aber am Ende geht das alles eh unter. Unendliche Weiten…
Interessant sind immer die Kommentare hinter den Nachrichten und Schlagzeilen der Medien. Von Klaus und Heidemarie, aber auch von Jérôme und Zeynep.
Nachbarn.
Nun ist mein Blick auf die Welt sicherlich nicht ganz normal. Ich lebe seit drei Jahren in Brasilien, gehöre keiner Religion an und war noch nie auf dem Oktoberfest. Es wird nicht viele Deutsche geben, mit denen ich vergleichbar wäre. Aber dennoch muss es doch noch mehr aus meinem Heimatland geben, welche ebenfalls merken, dass irgendwas im Gang ist.
Global.
Neben AfD und Erdogan, bedeutender als BER oder Sigmar Gabriel.
Medial.
In anderen Ländern rackern sich immer noch Frauen und Kinder in Steinbrüchen ab, um am Ende des Tages überhaupt zu überleben.
Fatal.
Und wir beklagen uns in Deutschland und Europa allen Ernstes über mangelnden Wohlstand? Haben Angst vor Flüchtlingen und gönnen niemanden auf Mallorca die Liege am Pool? Wieviel Prozent der Weltbevölkerung haben ein Dach über den Kopf, ein eigenes Bett, dauerhaft Strom und fließend Wasser aus der Wand? Aus unserer deutschen Sicht ist das offensichtlich nicht relevant. Kann man, kann ich, am Ende sogar ein Stück weit nachvollziehen.
Manchmal.
Vermutlich waren die wenigsten von uns in der Situation ohne die oben genannten Dinge zu leben. Mal einen Tag vielleicht. Der oft strapazierte Begriff vom „Hunger leiden“ muss da noch nicht mal heraus gekramt werden. Hier in Rio de Janeiro kam ich schon in diese Situation, vom zeitweiligen Fehlen des Stroms. Und des Wassers. Letzteres war übrigens die größere Herausforderung. Heute halten es viele von uns nicht mal mehr einen Tag ohne Handy aus! Und auch auf die dauerhafte Berieselung vom Fernseher mag kaum jemand mehr verzichten. Da sind die Brasilianer übrigens vermutlich sogar noch ein wenig extremer als wir Deutsche. Es gibt kaum einen Ort, wo kein Fernseher läuft. In Deutschland hat man zumindest in Restaurants und Bars seine Ruhe.
Ruhe.
Ruhe war doch eigentlich auch eine Spezialität von uns Deutschen. Selbst in Berlin ist es weitaus ruhiger, als in den meisten anderen Millionenstädten, die ich bisher besucht habe. Auf dem Land ist es zuweilen gespenstig ruhig. Gerade im Osten des Landes. Bis auf Kirchenglocken wurde kaum noch etwas wahrgenommen. Sonntags. In den letzten Monaten wird es aber immer lauter. Auch da. Auf dem Land. Mit den Sylvester-Böllern kam regelrecht Lärm auf. Und alle haben plötzlich schlaue Lösungen für die Flüchtlingsproblematik. Woher kam dieses verdammte Problem eigentlich so schnell? Es brodelt in der rechten Ecke, man traut sich etwas zu sagen. Zu schreien. Endlich gibt es wieder ein Feindbild. Ein gesamtdeutsches Feindbild. Wir sind nach 25 Jahren zusammen gewachsen.
Glückwunsch.
Aber es gibt auch moderate Ansätze neben all dem Kleingeist, der einem entgegenschlägt. Ein Beispiel um das Problem wegzuschieben ist folgende These: In Europa kann man das Flüchtlingsproblem nicht lösen, es geht nur in den Heimatländern. Wenn dort alles läuft kommt keiner mehr. Auf den ersten Blick klingt das für viele nach einer genialen und einfachen Lösung. Stößt sogar bei gemäßigten Linken auf Konsens. Wäre auch praktischer, als Schießbefehl und Grundwehrdienst. Aber mal angenommen man investiert kräftig in den „Problemzonen“ der Welt. Vor Ort. Blühende Landschaften 2.0.
Genial.
Die Wirtschaft kommt dort ein wenig in Schwung. Was würde passieren? Mal abgesehen davon, dass unsere Wirtschaft natürlich mit dem neu Geschaffenen in Konkurrenz steht. Schlecht oder gar nicht ausgebildete Leute bekommen bei uns mindestens 8,50 Euro pro Stunde ausgezahlt. Das dürfte auch in 20 Jahren kein promovierter Arzt in vielen anderen Regionen der Welt verdienen. Würden also vielleicht doch noch Flüchtlinge kommen? Vielleicht sogar per Flugzeug? Der Unterschied zwischen Tarif Ost und West ist dagegen ja verschwindend gering. Dennoch gibt es immer noch eine Bewegung in nur eine Richtung. Dahin, wo das Geld ist. Wieviele Deutsche arbeiten in der Schweiz?
Verständlich.
Verhungert ist im Osten noch niemand, warum also gehen? Wieviel muss man eigentlich an einen Schleuser bezahlen und wie hoch ist jetzt das dortige Durchschnittseinkommen? Ok, wir haben bisher auch nicht viel mitbekommen. Bis vor kurzem jedenfalls. Griechenland wurde wohl ganz bewusst, trotz massiver wirtschaftlicher Probleme, in die Eurozone aufgenommen. Und durfte viele Jahre die Drecksarbeit an der Außengrenze leisten. Lief auch ganz gut.
Radikal.
Diese Rolle sollte eigentlich jetzt die Türkei übernehmen, nachdem nix mehr ging in Athen. Aber dort ist der Chef grad völlig übergeschnappt, jetzt wird es eng. Mir tut Frau Merkel fast schon leid. Elektrische Grenzzäune sind sicher bald sehr beliebt. Ich wollte immer schon eine zündende Geschäftsidee, da wäre sie nun. Aber mir geht es ja auch so ganz gut. Stelle ich morgens immer fest, wenn ich unter der Dusche stehe und warmes Wasser auf mich herabrieselt. Gegenüber in der Favela, gibt es doch heutzutage auch Duschen. Ich müsste eigentlich keinen Gedanken daran verschwenden. Oder doch? Gibt es nicht Millionen von Menschen auf unserer Erde gerade, die diesen Luxus nicht genießen dürfen? Stimmt, da war etwas, aber was schert mich das eigentlich. Ich spende doch ab und an Geld, sollen doch die anderen sich auch mal drum kümmern.
Punkt.
Der Faktor Internet spielt auch eine gewichtige Rolle. Wie hat es sich doch rasend schnell in den letzten Jahren verbreitet. Auch in den entlegensten Ecken der Welt hat man mittlerweile Empfang mit seinem Smartphone. Selfies vom Mount Everest hat ja fast jeder. Die Welt kannte Europa oft gar nicht, nun schauen alle verblüfft auf Ihre Handys und Monitore. Wir sind an dem Punkt wo es keine Lösung des Flüchtlingsproblems mehr gibt, jedenfalls nicht auf irgendwelchen volkswirtschaftlichen Ebenen. 100 Menschen besitzen so viel Kapital, wie fast alle anderen 8 Milliarden auf dieser Erde. Eine Zahl mit 9 Nullen. Man darf nicht drüber nachdenken. Man soll es auch nicht.
Skandal.
Stopp! Schau Dir doch die kaputten Typen auf RTL2 an, Du bist doch schon die Elite. Aus Deutschland. Im Internet sieht jeder bei Facebook und Co, dass sich der arbeitslose Jens aus Hoyerswerda einen Mercedes gekauft hat. Und im selben Moment über hohe Benzinpreise klagt. Es wird sich mit Freude über Satiresendungen gestritten. Es werden Interviews von dementen Greisen wochenlang diskutiert. Sich über die viel zu niedrige Rente von Oma Kasulke beklagt. Je radikaler dabei die Meinung, umso schlechter Grammatik und Orthografie. Dschungelcamp und DSDS sind auf jedem Titelblatt. Und wenn ein Fußballspieler seinen Verein wechselt, dann hat auch jeder eine Meinung dazu. Wie das wohl auf Außenstehende wirken muss? Die Deutschen. Die haben es geschafft.
Elite.
Apropos Fußball. Zum Glück ist jetzt Europameisterschaft. Ablenkung. Da wird noch ehrlich Geld verdient. 300.000 Euro für jeden deutschen Spieler, wenn das Finale gewonnen wird. Vielleicht bekommen die Migrantenkinder auch weniger. Nach der nächsten Bundestagswahl. Peanuts für die Sponsorengilde. Denen ist es eh egal. Politik ist kein Problem. Obwohl in Venezuela gab es ja sogar bei der Cola Engpässe.
Saisonal.
Jens und Oma Kasulke schauen natürlich auch EM. Zu Hause. Mit Dach. Gemütlich auf dem Sofa. Der Mercedes dann frisch gewachst. Ich schaue sicherlich auch. In Rio. Ich glaube, wenn ich alt werde, dann werde ich auch dement. Ich hoffe es irgendwie. Das macht alles einfacher.

Hinterlasse einen Kommentar