Anti-Terror-Kampagne

Am Wochenende haben in Kabul mehrere Selbstmordattentäter, eine bis zum Zeitpunkt der Explosionen friedliche Demonstration, in ein wahrhaftiges Inferno verwandelt. In Deutschland kam es zu mehreren Amokläufen mit Toten und Verletzten. Dazu die erst vor kurzem geschehenen Terroranschläge in Nizza, Brüssel und Istanbul. Es ist sehr unruhig geworden in der Welt, auch in den USA kommt es seit Wochen immer wieder zu Schießereien.

War der geistig verwirrte Jugendliche aus München ein klassischer Amokläufer, so war der junge Mann in Ansbach schon eher ein sogenannter Terrorist. Zumindest gefühlt. Ein sehr fließender Übergang, welcher momentan öffentlich stark diskutiert wird. Angst macht sich allerorts breit in Deutschland. Womöglich beobachten wir gerade ein sogenanntes Schneeballsystem? Manch einer, der schon jahrelang über sein Ableben nachdenkt, schreitet jetzt inspiriert durch diese Ereignisse selbst zur Tat? Hoffentlich nicht, denn auch schon so haben IS und die rechten Parteien Europas ein sehr leichtes Spiel. Durchschaubar. Wer in einer heilen Welt lebt, der scheut Veränderungen. Alles soll so bleiben wie es ist.

Lasst uns endlich in Ruhe mit diesen Flüchtlingen. Soll doch der Erdogan in seiner Türkei machen, was er will. Trump oder Clinton. Völlig egal, für uns spielt das eh keine Rolle. Pokémon und Bundesliga, wir wollen uns wieder ausschließlich auf die angenehmen Sachen konzentrieren können. Die CSU will die Drecksarbeit mit den Flüchtlingen angehen, bekommen die halt mein Kreuz auf dem nächsten Wahlzettel. Oder ich mach das Kreuz bei der AfD. Die sind zwar etwas durchgeknallt, aber immerhin haben wir dann Ruhe. Ich bin kein Nazi, aber unser Volk ist wichtiger als andere Völker. Die Lügenpresse wird staatlich instruiert.

Verbreitete Denkmuster! Mit wachsender Sorge lese ich in diesen Tagen, die schier unendliche Flut an Kommentaren unter den Schlagzeilen. Oft polemisch, agressiv und bewusst provozierend. Manchmal kommt es mir so vor, als ob einige Menschen nichts anderes mehr zu tun haben, als den ganzen Tag Beiträge zu verfassen. Eine nicht geringe Anzahl von Autoren posten dabei, an verschiedenen Stellen, exakt den gleichen Kommentar, mehrfach. Vielleicht eine neue Profession? Kommentierer. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Leute, die mit ihren Armen aufgstützt auf einem Kissen auf der Fensterbank aus den Fenstern der Mietskasernen rausschauten. Stundenlang. Ab und an kam jemand daran vorbei und sie konnten über dieses und jenes schimpfen. Oder sie führten Selbstgespräche. Heute bleibt das Fenster zu. Computer gibt es in fast jedem Haushalt. Was früher mit sich selbst besprochen wurde, dass erfährt die Internetgemeinschaft heute rund um die Uhr. Eine diffuse Vermischung aus Realität und Hirngespinsten.

Es sind nur noch 11 Tage bis zu den olympischen Sommerspielen. In Rio de Janeiro prägt das Militär nun ziemlich eindrucksvoll das Stadtbild. Kampfhubschrauber fliegen hier und da durch die Luft und verschiedenartigste Fregatten kreuzen vor der Küste im Meer. In der Süd-Zone der Stadt, patrouillieren schwerbewaffnete Einheiten in den Straßen. Womöglich bald auch in München und Berlin ein gewohnter Anblick? Ich will mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Niemand sollte das.

Gestern wurde David S. noch gemobbt, heute sind alle sehr überrascht. Sind nicht wir selbst die Ursache für das, was da in München geschehen ist? Klebt nicht das Blut an unseren eigenen Händen? Die Suche nach einem Schuldigen ist sinnlos, aber man kann aus den Geschehnissen vom Wochenende so einiges mitnehmen. Oft reicht es vielleicht schon, wenn wir unsere Mitmenschen kurz fragen, wie es ihnen so (er)geht. In Brasilien spricht man sich immer an mit: „Tudo bem?“. Das bedeutet übersetzt, „Alles klar?“ oder „Wie geht’s?“. Eine nicht unbedingt ernst gemeinte Frage. Niemand erwartet von einem, dass daraufhin eine lange Geschichte erzählt wird. Aber allein die Geste finde ich persönlich wunderschön. So menschlich. Wie vielen kann man womöglich helfen, indem man sie einfach nur wahrnimmt? Ein Augenkontakt, ein kurzes Lächeln. Ein Händedruck. Das kann vielleicht genügen. Das ist so nicht mehr vorgesehen, im digitalen Zeitalter. Ampeln werden in den Boden eingebaut, sodass wir gefahrlos auf unsere Handys starren können, während wir irgendwie am Straßenverkehr teilnehmen. Facebook und Twitter tun ihr übriges. Wir entfremden uns selbst.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie unaufmerksam wir Menschen häufig durch unsere Welt gehen. Auch ich muss mir jeden Tag immer wieder aufs Neue bewusst machen, was so alles um mich herum geschieht. Sonst plätschert das alles einfach vor sich hin. Gerade alltägliche Sachen, wie zum Beispiel der Weg zur Arbeit, funktionieren, fast wie von Zauberhand, automatisch. Ich kann nach so einer Autofahrt nicht sagen, ob an der Ecke X ein blaues Haus steht, oder ob es womöglich gelb ist. Ich höre nebenbei fast immer Musik und die Konzentration darauf ist bedeutend höher, als die auf den eigentlichen Straßenverkehr. Schalten, Lenken und Bremsen, ein Selbstläufer. Alles was darüber noch hinausgeht, kann mein Gehirn dann nicht mehr erfassen. Diesen Umstand kann man nicht ändern, man wäre von der Vielzahl der Eindrücke sicherlich, mehr als überfordert. Aber allein diesen gegebenen Umstand zu erkennen, macht es uns schon ein Stück weit möglich, bewusster auf kleine Details zu achten. Details, die es vielleicht wert sind beachtet zu werden. Allem voran: unsere Mitmenschen!

Amokläufe und Terroranschläge sind nicht zufällig ein Bestandteil unserer modernen Gesellschaften geworden. Mit militärischem Einsatz und einer totaler Überwachung lässt sich das Problem womöglich, an der Oberfläche einigermaßen in den Griff bekommen. Sogenannte Täter, können zukünftig noch schneller identifiziert und im Anschluss daran, gezielt eliminiert werden. Hurra! Ein leckendes Boot kann man natürlich immer wieder leerschöpfen, womöglich gibt es jedoch viel schlauere Alternativen dazu. Müsste man mal drüber nachdenken. Sollten wir mal drüber nachdenken!

„Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern.“ (Lew Nikolajewitsch Tolstoi)

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