Paralympics

Die Paralympischen Spiele neigen sich so langsam dem Ende zu. Ich hatte die Gelegenheit mir am Wochenende ein wenig Leichtathletik im Stadion Engenhão anzuschauen. Es war aus mehreren Gründen sehr beeindruckend. Zunächst sind da natürlich die Athleten zu nennen. Ob kleinwüchsig, mit Amputationen oder im Rollstuhl sitzend, ich habe den Eindruck, dass diese Menschen besonders viel Lebensfreude ausstrahlen. Bei den Siegerehrungen gab es sehr emotionale Momente und diese Emotionen sind oft direkt auf das Publikum übergesprungen. Da sind wir schon bei einem weiteren Punkt, den Zuschauern. Die Stimmung war wahnsinnig gut im Stadion. Alle Athleten wurden ausgiebig mit Applaus bedacht, Buhrufe konnte man nicht wahrnehmen. Die eine oder andere La-Ola-Welle umrundete dazu das Stadion und bei lauer Temperatur konnte man diesen Abend in vollen Zügen genießen.

Was man bei den olympischen Spielen oft vermisst hat, ein freundliches und faires Publikum, bei den paralympischen Spielen kann man es finden. Das liegt womöglich mit daran, dass die Eintrittspreise für jedermann erschwinglich sind. Olympia mit Ticketpreisen von oft weit über 100 Euro, dies blieb eigentlich nur der oberen Mittelschicht vorbehalten. Für Teilweise schon unter 5 Euro konnte man für die Events der Paralympics Tickets erwerben. Damit ist das Publikum nicht so extrem homogen, sondern es gibt eine sehr gute Mischung, quer durch die ganze brasilianische Gesellschaft. Viele feiern schon allein den Umstand, einmal in Ihrem Leben eine solche Sportstätte besuchen zu können. Wenn dann noch ein brasilianischer Athlet im Stadion einläuft, gibt es kein Halten mehr. Gelungene Inklusion in mehreren Bereichen. Großartig!

In Deutschland bleibt das Medien-Echo diesbezüglich eher gering, man hat ganz andere Probleme. Gerade gestern las ich einen Artikel, dass 2 Millionen Kinder akut von Armut bedroht seien. Ist das wirklich euer ernst? Relative Armut verspüre ich auch, wenn ich mich mit dem Chef der Deutschen Bank vergleiche. Aber so im Allgemeinen finde ich mein Leben ganz ok. In Rio sehe ich oft Kleinkinder mit Ihren Eltern auf der Straße leben. Ohne regelmäßige Mahlzeiten, ohne Spielzeug und ohne Bett. Die Aussichten, dass diese Kinder irgendwann in ihrem Leben eine Schule besuchen werden sind eher schlecht. Vielleicht kommen sie noch nicht einmal ins schulfähige Alter. In Deutschland gilt es schon als „Umstand“, wenn Kinder kein eigenes Zimmer haben. So unterschiedlich sind oft Sichtweisen.

Der Club of Rome hat nun festgestellt, dass es zu viele Menschen auf dem Planeten gibt. Überrascht das jemanden? Eine „Ein-Kind-Politik“ wird gefordert. Ökonomisch, rational und global gesehen völlig richtig. Es gibt eben einfach viele Ressourcen, welche nicht in dem Maße nachwachsen, wie die explodierende Weltbevölkerung dies notwendig machen würde. Der Mensch tickt da aber wohl eher emotional, entsprechend heftig wird auch über diesen Bericht im Netz diskutiert. Sein eigenes Ego ist und bleibt vielen einfach das Wichtigste. Die Anderen sind schuld. Afrika und Asien. In den großen Industrienationen sieht man eindrucksvoll, dass sich das System demografisch ab einem gewissen Wohlstand selbst reguliert. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung in den wohlhabenden Teilen der Welt erheblich schrumpfen. Kinder stören oft beim Konsumieren, daher überlegen sich viele ob sie sich das überhaupt antun wollen. Warum also nicht einfach nur Wohlstand für alle? Nein so weit will man dann wohl doch nicht gehen. Im Gegenteil! Die „Drei-Kinder-Familie“ ist ein Schlagwort der AfD. Arische Deutsche gibt es viel zu wenige auf der Welt. Deutsche Frauen sollen wieder mehr Kinder gebären. Für das Vaterland. Migranten, behinderte Menschen und Paralympische Spiele, wer braucht sowas eigentlich?

Für Freitag habe ich wieder Eintrittskarten gekauft. Die Lebensfreude der Athleten, die Begeisterung der Zuschauer: Schön, dass ich dabei sein darf. Ich brauche sowas!

Ick meld mir.

Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.

Arthur Schopenhauer

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