Kamingeflüster

Es ist Herbst geworden in Deutschland. Vielleicht nicht nur aufgrund des Wetters habe ich ständig ein Gefühl der Kälte in mir, seit ich hier vor einigen Tagen angekommen bin. In Rio beginnt gerade der Frühling und das Thermometer klettert fast an die 40 Grad-Marke heran. Mit knappem Bikini bekleidete junge Damen liegen am Strand herum und das kühle Wasser verspricht eine angenehme Erfrischung. Dazu eine leichte Brise, ein Açaí und Samba-Musik im Hintergrund…

Wieso um Himmels Willen fliegt man freiwillig in ein Land, in dem es um die Jahreszeit mit ziemlicher Sicherheit kaum Sonne und Temperaturen um die 10 Grad gibt?! Der einzige Grund sind meine Kinder, ohne diese hätte ich in der Tat auf diesen sogenannten „Urlaub“ in Mitteleuropa sehr gern verzichten können. Aber Geburtstage und Ferienzeiten halten sich an keine klimatischen Umstände und so sitze ich nun hier in einem holländischen Familienpark mitten in Deutschland und Regen trommelt an die Terrassentür. Wenn wenigstens der verdammte Kamin funktionieren würde und ich ein knisterndes Feuerchen anstarren könnte. Nach einigen Stunden im Wellenbad, blauen Flecken aus der Wildwasserbahn und Magendrücken vom abendlichen Schnitzelgelage, wäre dies zusammen mit einer Flasche Rotwein ziemlich perfekt gewesen. Leider war im vorab bestellten Einkaufspaket nur Weißwein, aber wenn das mit dem Kamin laufen würde, könnte ich damit auch gut leben. Pech gehabt Fabse, ich sollte mir wohl besser einen Tee machen. Die Auswahl beschränkt sich auf Schwarz oder Multivitamin, das kann doch nicht wahr sein. Wer stellt nur diese blöden Pakete hier zusammen? Vermutlich ist auch in diesem Fall Merkel schuld. Gut dann eben das Becks, muss ja auch weg bis zur Abreise.  Morgen ist immerhin schon Bergfest.

Wie oft hört man als Kind den Spruch von seinen Eltern und Großeltern: „Wie schnell doch die Zeit vergeht!“ Grad einige Wochen vor Weihnachten klang das immer eher wie Hohn für mich. Ein Tag dauert eine halbe Ewigkeit, was die nur immer haben. Heute schoss mir nun selbst, genau dieser Satz durch den Kopf, als ich mich auf einer Liege, im sogenannten Erlebnisbad, versuchte etwas zu entspannen. Ein Hinweis darauf, wie viel Zeit ich den letzten Jahren wohl mit unbedeutenden Dingen vergeudet haben muss. Als Kind lebt man fast immer im „Jetzt“ und erlebt jeden Tag neue Abenteuer. Als Erwachsener lebt man all zu oft entweder in der Zukunft, oder in der Vergangenheit. Das „Jetzt“ wird meist nur dafür gebraucht, um sich über die beiden andern Tempi Gedanken zu machen. Verrückt. Ich kann weder etwas an der Vergangenheit ändern, noch kann ich meine Zukunft voraussehen. Jeglicher Gedanke daran am Ende eher sinnlos. Wir verschwenden eindeutig  viel zu viel wertvolle Lebenszeit genau damit und wundern uns, dass unsere Zeit so schnell vergeht! Ich bin daher vorhin sofort nochmal in die Wildwasserbahn gesprungen und habe eine Menge Spaß gehabt. Das Wetter und die AfD können mich mal, es gibt so viele spannende Dinge genau „Jetzt“ zu erleben. Mir ist schon viel wärmer nun, ick meld mir!

 

„Je mehr du dich auf die Zeit konzentrierst, auf Vergangenheit und Zukunft, desto mehr verpasst du das Jetzt, das Kostbarste, was es gibt.“

Eckhart Tolle

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