Nikolaus

Ein Freund hier aus Rio hat mir vor 3 Jahren einmal geschildert, wie schlecht es ihm gehe, wenn er nach Deutschland fliegen müsse. Er hätte sich nach einigen Jahren Brasilien so sehr an das Land und die Menschen gewöhnt, dass er am liebsten für immer bleiben würde und es tunlichst vermeide, überhaupt nach Deutschland zu fliegen. Er werde dann immer so depressiv. Selbst das es hier in Rio an fast jeder Ecke nach Urin riecht, empfinde er mittlerweile als völlig akzeptabel. Damals konnte ich das nicht nachvollziehen. Wie kann man sich in diesem Land voll von Chaos so wohlfühlen? Wo der Gang zum Supermarkt eine mehrstündige Odyssee werden kann und man ständig das Gefühl hat, man lebt in einer riesigen improvisierten Umgebung und jeden Moment kann alles zusammenbrechen. In Deutschland geht alles seinen geregelten Gang, was sollte daran schlecht sein?

Heute kann ich immer mehr nachvollziehen wovon er geredet hat. Das Land und seine Menschen haben mich ebenfalls in ihren Bann gezogen. Gerade bin ich von meinem Friseur zurück, der mir immer einer seiner tollen Geschichten erzählt. Heute von einem stinkreichen hässlichen US-Amerikaner, der seine hübsche asiatische Frau mit einer Brasilianerin betrogen hat zum Karneval. Das eigentliche Schneiden und Waschen wäre sicherlich in 15 Minuten erledigt gewesen. Aber mit vielen netten Anekdoten komme ich eigentlich nie innerhalb einer Stunde wieder weg. Freundliche Kommunikation ist eines der tragenden Säulen im Zusammenleben der Brasilianer. Das kann immer wieder mal zu Problemen führen, zum Beispiel wenn man nach dem Weg fragt. Egal ob die befragte Person das Ziel kennt oder nicht, es wird immer freundlich eine (falsche) Wegbeschreibung abgeben. Dennoch würde ein Brasilianer sich nie darüber beklagen, eine falsche Antwort bekommen zu haben. Erkennt er den Irrtum, fragt man einfach den Nächsten. Einer wird es schon wissen, Zeit ist eigentlich nie ein Problem hier.

Mein Spaziergang  zum Friseur führt mich quer durch den Stadtteil Copacabana. An einem Tunnel vorbei, in welchem sich die Crack-Junkies täglich volldröhnen. Kurz darauf passiert man die Auffahrt zu einer Favela, wo dauerhaft schwer bewaffnete Polizisten stehen und allerlei merkwürdige Gestalten rumlungern. Weiter auf die Avenida Nossa Senhora, wo man einen luxuriösen Fitnesstempel neben einem angeranzten Supermarkt findet. Ein Porsche an der Ampel und auf dem Gehweg gegenüber schlafen ein paar Obdachlose. Einhundert Meter weiter entfernt ist die Strandpromenade. Hier reihen sich die Hotels dicht nebeneinander und Touristen flanieren am wohl weltweit berühmtesten Strand auf und ab. Das ist Copacabana. Mittendrin ich: T-Shirt, kurze Hose und dazu Havaianas –Schlappen an den Füßen. Kaum vorstellbar, dass ich vor knapp zwei Wochen noch im grauen und kalten Deutschland war.

Nikolaus kennt man hier in Brasilien gar nicht. Die Tüte Plätzchen die heute überraschend vor meiner Bürotür stand, habe ich zum Frühstück direkt verputzt. Irgendwie fällt es mir dieses Jahr besonders schwer die typische Vorweihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Ich habe zwar brav, wie immer, die Kerzen zum Advent angezündet und ein Weihnachtsbaum steht auch schon fertig geschmückt in meinem Apartment. Aber am Ende ist das alles ein wenig surreal, wenn man mit leichtem Sonnenbrand vom Strand zurückkommt und eine Räucherkerze anzündet. Was solls, noch sind ja zwei Wochen Zeit. Vielleicht sollte ich am Wochenende mal Glühwein probieren…

Ick meld ma!

„Die Welt ist ein lustiges Spiel, erzeugt durch unsere eigene Existenz.“

Nisargadatta Maharaj

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