Heute melde ich mich vom Flughafen in Nairobi. Während meine Frau auf dem Weg nach Brasilien ist, habe ich noch knapp zwei Wochen Arbeit hier in Afrika vor mir. Und das heißt natürlich auch, dass ich mich ganz allein durch den normalen Alltag des Lebens schlagen muss. Werde ich mich vielleicht einsam fühlen?
Nur im Alleinsein können wir uns selber finden. Alleinsein ist nicht Einsamkeit, sie ist das größte Abenteuer!
Hermann Hesse
Du musst also allein sein, um Dich selbst und inneren Frieden zu finden. Ist das nicht auch das, was uns alle spirituellen Meister und Gurus auf dieser Welt erklären wollen? Der Mensch ist klar ein Herdentier. Allein wäre es uns nicht gelungen zu überleben und wir wären lange vor der erstaunlichen Entwicklung unserer Gehirne schon ausgerottet worden. Erst kürzlich las ich von einem Fotografen, welcher allein in Kanadas Wildnis unterwegs war und dort von einem Bären getötet wurde. Sicherlich hat er jetzt auch seinen Frieden gefunden, aber so kann es eigentlich nicht gemeint sein.
Wie passt das also zusammen? Alleinsein im Sinne des Geistes, muss an der Stelle zunächst vom rein physikalischen Ansatz getrennt werden. Wie man am traurigen Beispiel des Fotografen sieht, geht es oft gar nicht ganz allein als Mensch auf dieser Erde. In der „wilden“ Natur, ist eine Gruppe unbedingt die bessere Wahl. Auf rein geistiger Ebene hingegen, sollte sich ein durchschnittlich intelligenter Mensch des öfteren bewußt auch mal allein bewegen. Zum Alleinsein kommt dann obendrein noch der Begriff Einsamkeit hinzu, welcher sich von völliger Abgeschiedenheit im physikalischen Sinne trennen ließe. Ein heilloses Durcheinander. Ich hoffe wir können das etwas entwirren.
Gehe ich allein in ein Konzert, bin ich ganz und gar nicht einsam. Viele andere Menschen sitzen neben mir und genießen die wundervolle Musik des Orchesters. Mit tosendem Applaus bringen wir unsere Emotionen gemeinsam zum Ausdruck. Fliege ich allein in einem Flugzeug, so steuert der Pilot das Flugzeug, überwachen Menschen im Tower den Luftraum und kämpfen Schüler am Boden für eine klimatisch sichere Zukunft der Erde. Die Gesellschaft versucht uns mit allen möglichen Tricks Einsamkeit regelrecht einzureden. Ohne einen Account bei Facebook und einem Netflix-Abo, bist Du arm dran. Ohne WhatsApp und Telefonnummer ein totaler Freak.
Am Ende sind wir alle jedoch nur Marionetten. Facebook hin oder her, gespielt wird der Spielfilm „das Leben“, ohne jegliche Chance selbst etwas zu bestimmen. Jeder von uns wird gespielt, gemeinschaftlich. Manchmal müssen wir dabei zwangsweise, physikalisch allein sein. Steht halt so im Drehbuch. Der eine öfter, der andere seltener. Der eine wird vom Bär gefressen, der andere schreibt „Mein Kampf“. Ohne Sinn, einfach so.
Und mit diesem beruhigendem Wissen im Hinterkopf werde ich das Abenteuer Alleinsein in den nächsten Tagen so richtig genießen können. Es gibt so viele Dinge, die durch mich dann erledigt werden können, wo mir sonst einfach die nötige Zeit in einer Gemeinschaft fehlt. Einsamkeit ist dabei völlig ausgeschlossen. Zunächst geht es aber nach Eritrea. Wenn ich denn überhaupt den Anschlussflieger bekomme. Auch an der Stelle kann ich nur abwarten, was der Regisseur sich da mal wieder einfallen lassen hat. Schauen wir mal.
Ick meld ma!