God is a DJ

Heute habe ich etwas über Musikgeschmack gelesen. Er prägt sich wohl vor allem in unserer Jugendzeit und ändert sich im Alter nur noch marginal. Oft steht die eigene bevorzugte Musikrichtung, in einem starken Kontrast zum Musikgeschmack der Eltern. Rebellisch eben. Protest. Lässt sich aber zum Glück, wie eigentlich fast alles, nicht pauschalisieren. Ich selbst entdecke zum Beispiel gerade, mit ziemlicher Begeisterung, die Klassische Musik. Und so einige Töchter besuchen leidenschaftlich, gemeinsam mit ihren Müttern, Roland Kaiser Konzerte. Jeder wie er mag.

Im letzten Jahr fiel mir auf, dass ich noch nie in der Berliner Philharmonie war. Dazu muss man wissen, dass ich gebürtiger Berliner bin. Eigentlich unglaublich. E-Werk, Tresor und Berghain, wo man sich nicht überall herumgetrieben hat. Damals, als man noch jung war. Wollte ich grad schreiben. Da ich aber seit einigen Jahren nur noch 28 werde, stimmt das ja gar nicht. Schnell weiter. Also, in so manchem Musik-Club der Stadt war ich nun dann schon, aber an dem wohl international renommiertesten Ort in Berlin, wo man Musik genießen kann, war ich noch nie. Das sollte und musste sich natürlich ändern. Also kaufte ich mir direkt eine Konzertkarte für meinen nächsten Berlinaufenthalt. Es war eine wegweisende Entscheidung. Inzwischen habe ich schon einige Konzerte dort besucht und sobald klar ist, dass ich wieder in Berlin sein werde, studiere ich eifrig die Konzertpläne. Das hat mich schon den einen oder anderen Euro gekostet. Genau wie bei jeglichen Urlaubsreisen die ich bisher in meinem Leben gemacht habe, bereue ich keinen einzigen Cent davon!

Es gibt kaum etwas schöneres, was Menschen auf dieser Erde in einer großen Gemeinschaft tun können, als zu musizieren. Oft mehr als 100 Personen kommen da zusammen und spielen gemeinsam. Hautfarbe, Herkunft und Schuhgröße spielen dabei keine Rolle. Der erste Geiger hat vielleicht vor einer Stunde seine Frau verprügelt. Die Frau an der Oboe  betreibt eventuell nebenbei ein SM-Studio. In dem Moment, wenn das Konzert beginnt ist das aber alles völlig egal. Alle Egos haben nur noch einen Fokus: Musik machen. Ein magischer Moment. Und dann gibt es da noch den Dirigenten. Einer der die Fäden in der Hand hat. Ohne ihn ist das Zusammenspiel von großen Sinfonieorchestern nahezu unmöglich. Macht er einen Fehler, kann das eben noch so harmonisch daher spielende Orchester, buchstäblich zusammen brechen. Viele sagen, das Orchester trägt immer die Handschrift des Dirigenten. Und jetzt ziehe ich einen gewagten Vergleich. Der Dirigent ist in diesem Augenblick, wie ein Gott für alle anderen Beteiligten! Puh, erstmal kurz sacken lassen. Schauen wir mal, was Wikipedia zum Begriff Gott ausspuckt:

„In der Lehrmeinung und Praxis vieler Religionen werden einem Gott oder mehreren Göttern besondere Verehrung zuteil und besondere Eigenschaften zugeschrieben; unter anderem erster Ursprung bzw. Schöpfer oder Gestalter aller Wirklichkeit zu sein.“

Bingo. Der Dirigent ist in diesem Moment der Gestalter der Wirklichkeit. Für alle im Saal. Er hat die Macht die Gemeinschaft zum Erfolg zu führen, oder sie ist zum „Untergang“ verurteilt. Analog verhält es sich übrigens auch mit den DJs. Sie sind im Club die Götter. Ist ein DJ gut, dann ist die Masse begeistert. Ok, viele sind so vollgedröhnt mit Alkohol oder anderen Drogen, die würden vermutlich auch bei „Modern Talking“ in Ekstase verfallen. Da ich selbst auch heute noch gern meine Plattenspieler benutze, musste ich diesen Vergleich dennoch bringen. God is a DJ. Das Prinzip ist klar. Eine Person, die alles in der Hand hat. Viele andere Personen die an ihn glauben, die ihn verehren und die seine Meinung schätzen. So auch die Grundidee von Religionen. Sie können eine Gemeinschaft zusammenschweißen und sind super praktisch, um damit Ziele zu erreichen. Ziele, welche oft für Einzelpersonen unerreichbar blieben. Nach einem Konzert, gehen alle Beteiligten wieder nach Hause. Der Dirigent spielt keine Rolle mehr. Religion bleibt. Aber warum?

Schauen wir dazu weiter auf das Orchester. Nehmen wir an, dass jedes Ego in diesem großen Haufen, voll in der Täterillusion hängt. Irgendeiner, muss am Ende immer schuld sein. Macht der Dirigent einen Fehler und das Konzert läuft schlecht, dann ist natürlich er auch daran schuld. Perfekt für die Egos, steht ja nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich. Ein anderer ist Schuld. Höhere Gewalt. Macht ein einzelner Streicher einen Fehler, fällt das zunächst den anderen gar nicht unbedingt auf. Der Sünder geht danach heimlich zum Dirigenten und entschuldigt sich. Gelobt Besserung. Legt eine Beichte ab, warum er heute so schlecht drauf war. Der Dirigent freut sich darüber, mahnt zur Besserung und verordnet einige extra Gebete in Form von Übungseinheiten. Wenn das alles gut klappt, dann darf der Streicher am Ende trotzdem mit auf die Welttournee. Fehler macht ja jeder. Praktisch. Welches Ego kann da schon widerstehen?

Aber ich schweife ab, wollte ich doch eigentlich etwas zu meiner neuen Begeisterung schreiben. Klassische Musik. Ich hatte wohl viel Glück, dass ausgerechnet bei meinem ersten Konzert ein Werk von einem gewissen Robert Schumann aufgeführt wurde. Ein total unterschätzter Komponist, welchem zu Unrecht häufig attestiert wird, er war nie ein guter Sinfonien-Schreiber. Beim letzten Satz hat mindestens ein Leser jetzt bestimmt ein Lächeln auf den Lippen. Daher werde ich mich, als absoluter Laie, wohl mal lieber nicht weiter auf dieses dünne Eis begeben. Ob über- oder unterschätzt spielt ja eigentlich auch keine Rolle. In jedem Fall bekam ich bei diesem Werk eine Gänsehaut und Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte rein gar nichts dagegen tun. Das gibt es teilweise auch bei der Musikrichtung die mich geprägt hat, der sogenannten elektronischen Tanzmusik. Aber bei weitem nicht in diesem Maße. Bei Rockmusik kann ich mir es persönlich nicht einmal vorstellen. Man kann mitwippen und dazu tanzen, aber Gänsehaut ist für mich dabei nicht wirklich vorstellbar. Bei anderen ist es vielleicht genau andersrum. Wenn Helene Fischer atemlos wird, brechen wohl auch bei so manchem die Dämme. Wieso ist das so?

Es ist eigentlich ganz einfach. Mit Musik verknüpft unser Gehirn Ereignisse. Und je nachdem ob positiv oder negativ verknüpft, erzeugt dies dann bei erneutem Hören entsprechende Emotionen. Die Musik beim ersten Kuss, der Hit der ständig im Radio lief beim tollen Thailand-Urlaub, oder vielleicht sogar die deutsche Nationalhymne, vor dem 7:1 gegen Brasilien. Alles bekommt eine Bedeutung. Musik die man in der Jugend gern gehört hat, die ist bis ins hohe Alter nicht schlecht und wird als eher angenehm wahr genommen. Wie kam es dann bei mir jedoch zu den Emotionen bei Musik, welche ich bis dahin noch nie in meinem Leben gehört hatte?

Ich behaupte, klassische Musik spiegelt einfach so wunderbar die Dualität wieder, die uns unser ganzes Leben begleitet. Sie drückt das Licht und den Schatten aus, den wir täglich erleben. Und mit den Höhen und Tiefen des Lebens spielen die Komponisten in ihren Werken. Womöglich sogar teilweise unbewusst. Der Wechsel zwischen laut und leise. Schnell und langsam. Melancholie und Fröhlichkeit. Dieses Wechselbad erzeugt die Emotionen. Keine andere Musikrichtung hat das Leben wohl so perfekt adaptiert. Drückt dies Dualität, so hautnah erlebbar aus. Ein guter Vergleich ist vielleicht der Moment, wenn man in einem Club steht, kurz bevor der Bass einsetzt. Dieser Kontrast. Vergleichbare Ruhe und dann urplötzlich bebt alles. Das macht es aus. Das bringt Gänsehaut.

Gänsehaut ist ein gutes Stichwort zum Abschluss. Morgen ist unser Halbfinale bei der EM. Fabi wird das natürlich wieder mitverfolgen. Ja und am Freitag, geht es dann in einen wohlverdienten Kurzurlaub. 1000km in den Norden. Auf die Idee würde ich in Deutschland wohl nie kommen. Aber hier in Brasilien macht es Sinn. Daher melde ich mich auch erst nach dem Finale wieder. Vielleicht mal mit einem Reisebericht.

Als Europameister.

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