Indianer kennen keinen Schmerz

Sonntag, 28.01.17 01:54

Ich sitze in einem halbdunklen Raum. Schnell und regelmäßig atmet mein Vater in seinem Bett. Ich dachte bei meinem letzten Besuch im November schon bei mir, dass er nicht sehr gesund aussieht. Heute habe ich ihn nicht wieder erkannt. Der Krebs muss schon seit Jahren in seinem Körper wüten. Nun hat das alles wohl den Punkt erreicht, wo er ihn schnell und endgültig zerstört. Metastasen überall. Ein dummer Parasit, der seinen Wirt umbringt und selbst doch rein gar nichts davon hat. Das Sprechen fällt ihm schwer. Ich habe ihm ein Fotobuch mitgebracht. Erinnerungen. Kein Jahr ist es her, als er mich in Brasilien besucht hatte. Die Wasserfälle von Iguacu, das war ein Highlight. Ich hoffe er kann es sich morgen mit mir ansehen. Ich muss selbst gleich auch erst einmal schlafen. Der lange Flug, die Autofahrt. Das ist der entscheidende Nachteil, wenn man weit weg im Ausland wohnt. Spontaner Familienbesuch ist nicht so ohne weiteres möglich. Aber ich bin da. Rechtzeitig.

Sonntag 05:45

Die Stomaschwester ist da. Beutelwechsel und ein wenig Körperpflege. Es ist ziemlich merkwürdig seinen eigenen Vater in diesem Zustand zu sehen. Vor knapp drei Wochen wurde festgestellt, dass ein riesiger Tumor den Enddarm blockiert. Inoperabel. Künstlicher Darmausgang. Chemotherapie unmöglich, die Leber arbeitet seit knapp 15 Jahren auf Notbetrieb. Damals habe ich ihn total gelb und kurz vorm Ableben ins Krankenhaus gebracht. Nachdem die Schwester gegangen ist, will er direkt wieder schlafen. Meine Mama legt sich erschöpft auf eine Liege im Zimmer nebenan. Ich konnte immerhin kurz ein paar Worte wechseln. „Alles gut bei Dir?“ „Ja, alles gut. Und bei Dir?“ Ich weiß nicht was ich antworten soll. „Ja alles gut bei mir.“ Stille.

Sonntag 09:10

Ich übernehme kurz die Wacht am Bett. Mehr als still neben ihm sitzen ist nicht drin im Moment. Selbst „Guten Morgen“ kostet ihm sehr viel Kraft wie es aussieht. In der Nacht habe ich im Halbschlaf intensive Hustenanfälle mitbekommen. Metastasen auch in der Lunge. Sie läuft mit Wasser voll. Die Atmung rasselt.

Sonntag 12:50

Immer wieder steht er auf und will allein auf die Toilette. Leider ohne Bescheid zu geben. Meine Mutter hilft ihm wie sie kann. Einmal hat sie es nicht rechtzeitig bemerkt. Sturz, Nasenbluten. Hustenanfälle. Immerhin konnte ich ihm kurz das Fotobuch zeigen. Ich glaube er hat es zwar gesehen, aber momentan ist er mit den Gedanken wohl ganz woanders.

Sonntag 15:30

Auf einmal ging es ihm viel besser. Er las in einem Buch und hat sogar etwas Suppe gegessen. Schön, dass wir zusammen an einem Tisch sitzen konnten. Nun liegt er wieder im Bett und schläft.

Sonntag 17:00

Der Nachmittag plätschert so dahin. Er schläft nun schon wieder einige Zeit. Die Sonne geht mit kräftigen Farbeffekten unter. Es war ein schöner Wintertag. Ich werde erst einmal Kaffee kochen. Vielleicht mag er den Duft in der Luft genauso wie ich. Wir wissen nicht viel übereinander fällt mir auf. Aber das ist auch nicht relevant auf allgemeiner Metaebene.

Sonntag 23:00 Uhr

Ich glaube seit wir das Gästebett im Zimmer aufgebaut haben und meine Mutter dort liegt, sind beide viel ruhiger geworden. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es keine dauerhafte Lösung sein kann. Ich muss das Thema Hospiz als Option unbedingt noch ansprechen. Ich hoffe mein Vater versteht das. Er hat wohl schon sehr klar geäußert, dass er das nicht will. Allein ist meine Mama jedoch vielleicht ziemlich schnell überfordert, selbst wenn sie ihn liebend gern zu Hause beistehen würde. Und ich kann nicht einige Wochen oder Monate frei nehmen. Ein schwieriges Thema. Sterben allgemein. Ich versuche zu schlafen, morgen wird vielleicht klarer, wie es weitergehen kann.

Montag 07:30

Zwei Stunden lag ich noch im Bett wach und habe mich hin und her gewälzt. Wie sage ich ihm, dass er „abgeschoben“ werden muss? In das „Haus zum Sterben“ oder „Tötungsanstalt“, wie er es sicher selbst formulieren würde. Die Nacht war ruhig, ich sitze nun mit ihm zum Frühstück am Bett. Lange sitzen wir stumm neben dem Tablett mit dem Essen für ihn. Nach einigen Minuten frage ich, ob er keinen Hunger mehr habe. „Doch, aber es sitzen doch noch nicht alle am Tisch!“ „Meine Mutter kommt nicht, sie isst nur ein paar Kekse heute.„“Aber doch nicht am Feuerwehrteich.„“Wir essen allein heute.„“Ok. Essen gibt es ja immer zu wenig.„“Du musst sagen, wenn Du Hunger hast!“ Mit dem Löffel für den Jogurt versucht er nun den Toast zu zerkleinern. „Brauchst Du ein Messer?“ „Ach, es geht schon.“ Ich hole ein Messer und eine Gabel aus der Küche. Damit klappt es besser. „Das Messer ist ja ganz schön stumpf, soll ich ein Schärferes suchen?“ „Ach, es geht schon.“ Ich widerspreche nicht, vielleicht fragt er ja nach einer Weile von selbst nochmal nach. Ich trinke meinen Kaffee nebenbei. Irgendwann kommt meine Mama dazu. „Möchtest Du Morgenmagazin dazu schauen?„“Nein, das ist Sonnabend ja schlecht.“ „Heute ist Montag.“ „Ach ja? Ok, aber nein.„“Sag mal, das Messer ist ja viel zu stumpf! Möchtest Du ein Schärferes?“ „Nun ist es auch zu spät.“ erwidert er vorwurfsvoll. Meine Mama schaut etwas verdutzt, ich zwinkere ihr hastig zu. Sie versteht es und sagt nichts.

Montag 19:00

Ich habe heute Nachmittag gefragt, wie er es sich vorstellt, wie es weitergeht. „Es kommt wie es kommt.“ Eine zutreffende Antwort, hätte auch von mir sein können. Hilft aber nicht wirklich weiter. „Ich mache mir Sorgen darum, wie es weiter geht, wenn ich wieder nach Rio zurück muss. Meine Mutter schafft das alles nicht allein auf die Dauer.“ „Das macht doch keinen Unterschied, ob Nairobi oder New York.“ Wir reden aneinander vorbei. Nun am Abend geht es ihm merklich schlechter. Der Hausarzt wollte heute vorbei schauen. Außer einem Rezept, was er der Stomaschwester gegeben hat, habe ich noch nichts von ihm gesehen. Wenn es hier wie in anderen Teilen Deutschlands zugeht, dann ist das sogar verständlich. Zu viele Patienten und viel zu wenig Zeit. In absehbarer Zeit tote Patienten sind da auf der Prioritätenliste ganz hinten. Eine zusätzliche Morphiumtablette scheint nun etwas Verbesserung zu bringen. Er schläft.

Montag 22:00

Ich bin in der Dachetage des Hauses. Sein kleines Reich, was er sich nach und nach fertig machen wollte. Sein Schal liegt auf dem Sofa. Gerade so, als ob er kurz raus ist und jeden Moment wieder hoch gestampft kommt. Eine Mischung aus Büchern, Zeitschriften, Schallplatten und DVDs ziert die zahlreichen Regale hier. Bilder, Kalender und Biergläser. Ein Sammelsorium aus unterschiedlichsten Dingen. Stück für Stück zusammengetragen, über Jahrzehnte. Fast schon wie ein Messi schießt es mir durch den Kopf. Hier wollte er seinen Lebensabend verbringen. Mit 63 schon in Rente. Er ahnte wohl schon lange, dass er nicht sehr alt werden würde? Vermutlich wird er nie wieder diese Treppe hoch stampfen. Er liegt unten im Bett und kämpft weiter gegen den Krebs. Der Sieger steht leider schon fest. „Indianer kennen keinen Schmerz!“ war sein Spruch, als ich klein war. Ich fange an zu weinen.

Dienstag 01:00

Meine Mutter weckt mich auf. Er bekommt kaum noch Luft. Warten auf den Krankentransport. Angst.

Dienstag 02:00

Der Krankentransport ist auf dem Weg, wir fahren hinterher. Ich habe ihm noch vor Abfahrt gesagt er soll keine Angst haben, wir sehen uns gleich im Krankenhaus. „Wenn irgendwas ist, sag immer Bescheid!“ „Dann ruf ich: Die wollen mich ermorden!“ Ich muss schmunzeln: „Alles klar!

Dienstag 03:30

Meine Mama klärt die Medikation und all die Sachen mit der Nachtschwester ab. Ich habe einige Minuten allein mit ihm im Zimmer. Er ist müde. „Wir kommen sofort wieder, wenn es hell ist. Lass Dich nicht ärgern, Vaddern.“ „Mehr geht ja nicht.“ antwortet er. „Ich habe Dich lieb.“ sage ich und streichel ihm über den Arm. „Ich hab Dich auch lieb“ sagt er und schläft ein.

Dienstag 03:50

Die Schwester nimmt noch Blut ab. Als sie fertig ist brechen wir auf: „Wir gehen jetzt wie gesagt erstmal, sind aber wieder da, wenn es dann hell ist. Ja?“ „Wohin geht ihr denn?“ „Wir müssen schlafen.„“Dann könnt ihr mich doch mitnehmen!„“Der Doktor kommt in ein paar Stunden und will Dich sehen, das geht leider nicht.„“Aha.“ Enttäuschung.

Dienstag 13:30

Zurück aus dem Krankenhaus. Er schien klarer und gefasst zu sein. Der Arzt hat ihm die aussichtslose Lage erneut geschildert. Keine Chemotherapie möglich. Die Leber kann jederzeit kollabieren. Ersticken ist auch nicht ausgeschlossen, vielleicht bricht aber auch ein Tumor durch die Bauchdecke. Sie haben noch einige Tage, vielleicht einige Wochen. Wie reagiert man auf so eine Diagnose? Ein paar Sätze haben sich vom Besuch eben bei mir eingebrannt. Ich brauche doch keine neuen Latschen für die paar Tage.„“Zum Sterben bekommt man einen großen Raum.“ „Das ist meine Henkersmahlzeit.Mir ist etwas mulmig zu Mute.

Dienstag 17:30

Besuch im Krankenhaus. Er sieht fern, es geht ihm sichtbar besser. Wir essen zusammen Kuchen und er trinkt sogar einen Kaffee. „Das wird schon wieder!“ sagt er auf einmal. Betretene Stille. Ich sage: „Du hast doch den Doktor gehört heute früh!?„“Ach die können sich auch irren!“ Um Zustimmung bittend schaut er mich an. Ich sage nichts und bringe das Thema auf den Hund, welcher mitkommen durfte. Ablenkung trifft auf Verdrängung. Wie menschlich.

Dienstag 19:15

Er erwähnt, dass er seine eine Fussball-Jacke für das nächste Spiel von Deutschland braucht. Ich denke kurz nach. Das ist im Mai! Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken herunter.

Mittwoch 09:30

Die Gewissheit, dass ich meinen Vater wohl gleich zum letzten Mal persönlich sprechen werde, ist ziemlich beklemmend. Ein schwieriges Gespräch steht uns bevor, er muss unbedingt sehr bald in ein Hospiz umziehen. Mir rennt die Zeit davon, morgen Abend geht der Flieger. Ich bin froh, dass wir letztes Jahr zwei wundervolle Wochen ganz allein für uns hatten.

Mittwoch 13:00

Abschied nehmen. Tränenreiche, sehr intensive Stunden liegen hinter uns. Mit positiven Ausgang für alle. Wut, Zorn und Verzweiflung. Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Am Ende konnten wir uns in die Arme nehmen und gemeinsam Weinen. Indianer kennen wohl doch Schmerz. Ich habs immer geahnt. Machs gut Papa!

*Mein Vater ist am 01.03.2017 im Beisein meiner Mutter verstorben.

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